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Preisträger "Heimatschätzla" - von 100 Schätzen in nichtstaatlichen Museen Bayerns

Jüdische Kinderhose in der Genisa-Ausstellung
Reckendorf „Haus der Kultur - ehemalige Synagoge", Ahornweg 7, 96182 Reckendorf
Preisübergabe "Heimatschätzla" in München
Preisübergabe in München: von links nach rechts Heimatminister Füracker, Erster Bürgermeister Deinlein, Kuratorin Waschka M.A., Altbürgermeister Etterer, Kunstministerin Prof. Dr. med. Kiechle; Foto: Heimatministerium

Schätze sind kostbar, Schätze muss man schützen, Schätze werden in irgendwelchen Kammern versteckt, so ist es die Regel. Muss das sein? Nein, so dachte sich Heimat- und Kunstministerium des Freistaates Bayern und setzten sich mit der Landesstelle für nichtstaatliche Museen zusammen. In den hiesigen Museen befinden sich viele „Kleinodien", Gegenstände, die nicht nur durch ihr Aussehen, einen Schatz vermuten lassen, sondern vielmehr eine außergewöhnliche Geschichte erzählen können. Mit Hilfe eines Wettbewerbs ging man seit Frühjahr auf die Suche nach 100 Heimatschätzen in Privat-, Firmen-, Vereins- und Kommunalmuseen o.ä.

 

Wohl eines der jüngsten Museen stellt die Ausstellung „Kultur und Kultus" in der „ehemaligen Synagoge - Haus der Kultur in Reckendorf" dar. Im April 2014 eröffnet, zeigt es eine kleine Auswahl des Fundmaterials aus der sogenannten „Genisa": Es wurden von der 1910 aufgelösten jüdischen Gemeinde über Jahrhunderte lang alle Gegenstände auf dem Dachboden deponiert, die ihnen heilig waren. Besondere Kostbarkeiten kamen nach Bamberg und verbrannten dort in der Pogromnacht im November 1938.

 

Neben den drei Kubikmetern, die vor Restaurierungsbeginn im März 2003 von einer Gruppe Studenten im Denkmal geborgen wurden, gab es noch über 60 Umzugskartons in einem Depot des Jüdischen Museums in Fürth, welches die Schlossbrauerei Reckendorf bereits Anfang der 1990er Jahren dorthin zur weiteren Auswertung übergeben hatte. Das älteste Stück in der dortigen Dauerausstellung, in Fürth, stammt unter anderem aus dieser Fundmasse.

 

Nach der Renovierung der ehemaligen Synagoge in Reckendorf im Jahr 2005 begann sich der amtierende Bürgermeister Klaus Etterer und der Gemeinderat, sich Gedanken, über die Zukunft „ihrer Genisa" zu machen. Mit Hilfe der Bezirksheimatpflege, den Experten vom Landesamt für Denkmalpflege, Landesstelle für nichtstaatliche Museen in Bayern und einer Forschungsstelle für Jüdisches Kulturgut in Veitshöchheim traf man eine Auswahl der interessantesten und inhaltlich wertvollsten Fragmente. Nach der Restaurierung wurden diese mit Hilfe von Kuratorin Adelheid Waschka in der ehemaligen Frauenempore präsentiert.

 

Wie sich jetzt zeigte, hat sich der ganze Aufwand, auch der finanzielle, denn die Kosten konnte die Gemeinde nur mit reichlichen Zuschüssen stemmen, gelohnt:

 

Eine „jüdische Kinderhose" wurde als „Heimatschatz" ausgewählt. Interessant natürlich die Geschichte, die sich hinter diesem Objekt verbirgt. Neben vielen Textilresten, aus denen man Tefelinbeutel herstellte, fand sich eine Kinderhose, die nach Machart und Stoff aus dem 19. Jahrhundert stammt. Man kann sich gut vorstellen, dass ein Kind im Alter von zwei Jahren mit dieser Hose bekleidet das erste Mal die Synagoge betreten hatte, um seine Beschneidungswimpel (Mappa) der Thorarolle darzubringen. Unter den Reckendorfer Juden absolvierten viele Kinder ab 1814, als man vom Großherzogtum Würzburg zum Bayerischen Königreich kam, eine Lehre als Kunstweber. Es darf darf davon ausgegangen werden, dass der Stoff für dieses Kleidungsstück auch hier vor Ort angefertigt wurde.

Zu den Kunstweberfamilien aus Reckendorf gehörte Koppel Haas und seine Söhne Kalman, Abraham und Wolf (William). Ihr Wohnhaus im Mühlweg 10/12 ist auf einem Foto im City-Museum von San Francisco abgebildet, da Wolf und Bertha Haas ihr Wohnhaus der Stadt als Museum vermachten (Haas-Lilienthal-House).Die Nichte von Levi Strauss, der selbst keine Kinder hatte, heiratete ebenfalls in die Familie Haas ein, die sicherlich mit ihrem Know-How aus der Heimat den Betrieb der Levi-Strauss Company unterstützen konnte. Die Nachfahren der „Reckendorfer" besuchen auf ihrer Kavalierstour nah Europa auch ihre ehemalige Heimat. Sie sind stets ergriffen, von der Einfachheit, Sparsamkeit und Bescheidenheit, in der ihre Vorfahren einst als fränkische Landjuden gelebt haben.

 

Der Preisübergabe für das „Reckendorfer Heimatschätzla" durch Kunstministerin Prof. Dr. med. Marion Kiechle und Heimatminister Albert Füracker in München wohnten Kuratorin Adelheid Waschka, Erster Bürgermeister Manfred Deinlein und Altbürgermeister Klaus Etterer aus Reckendorf bei.

 

Das „Haus der Kultur - ehemalige Synagoge" in Reckendorf, Ahornweg 7, ist an jedem 1. Sonntag im Monat von 14 bis 16 Uhr geöffnet. Die nächste Gelegenheit, um das „Heimatschätzla" zu besichtigen, bietet sich somit am 5. August, 2. September (Kerwas-Sonntag) und 9. September 2018 (Tag des offenen Denkmals); Führungen unter: 0171-1849570

 

 

Jüdische Kinderhose vor Restaurierung Jüdische Kinderhose in Genisa-Ausstellung
Vorzustand der Kinderhose nach Bergung und vor der Restaurierung 2006

Jetzige Situation des Objektes in der Dauerausstellung

 

Fotos: Adelheid Waschka

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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